Gymnasium CHRISTIANEUM

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Scrinia selecta
Das älteste Exlibris der Bibliothek
Boccaccio: Il Filostrato
Dante: Comedia
Francisco de Enzinas: Historia
Martens: Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671
Inkunabelsammlung Johann Adrian Bolten (1742-1807)
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Das lateinische Wort scrinium bezeichnete in der Antike eine zylinderförmige Kapsel zur Aufbewahrung von Dokumenten oder anderen schützenswerten Dingen; im Neuhochdeutschen wandelte es sich zum Schrein. Seit dem lateinischen Mittelalter wurden auch die Regale zur Aufbewahrung von Schriften und Büchern als scrinia bezeichnet; noch heute tragen manche Bibliothekssignaturen wertvoller alter und seltener Schriften und Drucke, so zum Beispiel in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek, ein "scrin" vor ihrer Stellplatznummer und werden in eigens für sie angefertigten Kartonschachteln aufbewahrt.

Einige Exemplare aus den Regalen der Christianeumsbibliothek mögen einen Eindruck von der historischen Sammlung vermitteln. Einige Kostbarkeiten unter ihnen werden nicht in den Räumen der Christianeumsbibliothek verwahrt.

Literatur:
Kostbarkeiten der Bibliothek. 250 Jahre Christianeum 1738-1988 Band II. Herausgegeben von Ulf Andersen im Namen des Vereins der Freunde des Christianeums, Hamburg1988

Foto: Klaus Graf (Quelle + Lizenz)



 

 

 


Das älteste Exlibris der Bibliothek

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"Exlibris" bezeichnet einen Zettel, den der Besitzer einer Buchsammlung nach seinen Vorstellungen drucken lässt und zur Kennung seines Eigentums in die Vorderdeckel seiner Bücher einklebt. Das Exlibris ersetzt die handschriftlichen Besitzereinträge und wurde in den Bibliotheken, nicht selten auch in den privaten, seit dem 19. Jahrhundert durch den Besitzerstempel abgelöst.

Der Kupferstich zeigt vermutlich keine realistische Darstellung der Christianeumsbibliothek, sondern eine ideale Bibliothek des 18. Jahrhunderts. Die Inschrift lautet: ERUDIT IGNAROS BARBARIEMQUE FUGAT - BIBLIOTHECA GYMNASII ACAD: ALTONENSIS. Das Blatt wird auf 1745 datiert.

Signiert ist der Kupferstich von Barbara Helena Oedingin, der Tochter eines Kupferstechers. Ihr Ehemann Philipp Wilhelm Oeding  (1697-1781) war als Maler von Altarbildern und Porträts zwischen 1741 und 1746 in Altona tätig und von 1745 bis 1746 am Christianeum als Zeichenlehrer angestellt.

 

 

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Valentin Daniel Preissler (1717 - 1765): Barbara Helena Oeding (Radierung Mezzotinto, nach 1746); nach einem Gemälde von Philipp Wilhelm Oeding

Quelle: The British Museum

Felicitas Noeske

 

 

 





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Giovanni Boccaccio:

Il Filostrato (Codex Christianei)


Der Codex Christianei, entstanden in Norditalien um 1360, enthält die italienische Handschrift des Il Filostrato, eines Frühwerks von Giovanni Boccaccio (1313-1375), dem Verfasser des weltbekannten Decamerone. Die Handschrift auf Pergament ist reich  illustriert mit Buchmalereien.  Sie gehörte zum Donum Kohlianum, der Schenkung des Johann Peter Kohl (1698-1778), und befindet sich seit 1768 im Bestand der Christianeumsbibliothek, wird aber aus Sicherheitsgründen nicht dort aufbewahrt.

Während der unterdessen weltweit bekannte Codex Altonensis (um 1360/80 entstanden), die illuminierte Prachthandschrift von Dantes Comedia  (Göttliche Komödie) aus der Christianeumsbibliothek, bereits 1965 faksimiliert und kunsthistorisch eingeordnet worden war, blieb der Codex Christianei selbst in Fachkreisen bis heute weitestgehend unbekannt; Textcorpus und Buchmalerei sind bislang unerforscht. Il Filostrato (eine griechisch/lateinischeWortschöpfung Boccaccios, etwa: Der von der Liebe Niedergestreckte) erzählt in Stanzen die antike Geschichte von Troilus und Cressida aus der Ilias und war für den englischen Dichter  Geoffrey Chaucer (um 1343-1400) die Vorlage für seine in englischer Sprache verfasste Verserzählung mit dem Titel Troilus and Criseyde, die wiederum William Shakespeare (um 1564-1616)  zu seinem gleichnamigen Theaterstück Troilus and Cressida (gedruckt 1610) inspirierte.

Von den wenigen erhaltenen italienischen Handschriften dieses Frühwerks von Boccaccio  sind aus dem 14. Jahrhundert nur vier vollständige Kopien verzeichnet, weshalb der Codex Christianei einen unschätzbaren Wert auch für die Shakespeare-Forschung in aller Welt darstellt. 2013 wird Giovanni Boccaccio 700 Jahre alt. 64_2

Die Erzählung von Leidenschaft und Eifersucht ist mit zahlreichen Vignetten sowie den mit  kleinen Szenen ausgemalten Initialen, den Großbuchstaben am Anfang eines Kapitels, illustriert; die Illustrationen folgen dem Inhalt der Erzählung und bilden vermutlich eine einmalige Sammlung in der mittelalterlichen Buchmalerei: nahezu die Hälfte der szenischen Darstellungen zeigen Betten, jeweils in unterschiedlichen Mustern und Farben der Bezüge, und bieten damit womöglich einen Einblick in die italienischen Bettmoden des späten Mittelalters, die dem heutigen Schlafdesign in Italien nicht unähnlich erscheinen.

(Ein weiteres Bett-Beispiel in einem Initial des Codex Christianei ist hier zu besichtigen.)

Felicitas Noeske

Fotos: Folke Gernert, Kiel

 




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Dante Alighieri:

Comedia (Codex Altonensis)

Der Codex Altonensis beinhaltet die Comedia (später betitelt als Divina Commedia, Göttliche Komödie) des Dante Alighieri (1265 - 1321). Die Handschrift in italienischer Sprache wurde ab ca. 1360 in Norditalien, wahrscheinlich in einem Skriptorium in Bologna, erstellt und mit prachtvoller Malerei ausgestattet; das Datum ihrer Fertigstellung ist ebenso unbekannt wie ihre Provenienz bis zu ihrem Vorbesitzer im 18. Jahrhundert.

Die Comedia, gefasst in Terzinen - einem dreiteiligen Versschema -, erzählt die Geschichte zweier Reisender, des antiken Dichters Vergil und des Ich-Erzählers Dante, die zunächst in die Hölle (Inferno) hinabsteigen, wo die verdammten Seelen hausen müssen. Die Reisenden erklimmen anschließend den Läuterungsberg (Purgatorio), auf dem die aus dem Inferno entlassenen Seelen büßen dürfen, um ins Paradies (Paradiso) gelangen zu können, das Dante, geführt von der reizenden Beatrice, im dritten Teil der Tour besichtigt. Mit der Ansicht des dreieinigen Gottes endet die Vision und die Erzählung. Dantes Comedia, ein Kosmos an Figuren und Gestalten aus Wirklichkeit und Mythologie, erhob im lateinischen Mittelalter das Italienische zur Literatursprache und gehört zur Nationalliteratur Italiens. Sie inspirierte bis auf den heutigen Tag Dichter, Denker und Künstler und wurde in alle Weltsprachen übersetzt.

Dante_f48vDer erste Teil des Codex Altonensis, das Inferno, ist durchgehend von einer vermutlich einzigen Künstlerhand illustriert mit einer farbigen und zum Teil auch raffiniert lasierend aufgetragenen Deckfarbenmalerei; eine Parallelhandschrift mit Malereien derselben Hand befindet sich in der Bibliothek von Chantilly in Frankreich. Das Purgatorio wurde von verschiedenen Künstlern dekoriert und zeigt unterschiedliche Konzepte. Der letzte Teil, das Paradiso, enthält nur Vorzeichnungen, die nie malerisch ausgeführt wurden. Das Ende des vollständigen Textes blieb ganz ohne Illustrationen, womöglich bedingt durch einen in die Entstehungszeit zu datierenden Brand- und Wasserschaden, der zeitgenössisch zwar liebevoll repariert wurde, aber womöglich den Abnehmer dermaleinst verscheuchte.

Die Handschrift gelangte zusammen mit Boccaccios Il Filostrato, dem Codex Christianei, 1768 mit dem Donum Kohlianum, der Schenkung des Johann Peter Kohl (1698-1778), ins Christianeum und gehört seither zum Bestand der Bibliothek.

Felicitas Noeske

Fotos: Michail Jungierek, Hamburg (Quelle)
 
 
 





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Francisco de Enzinas:

Historia de Statu Belgico et religione Hispanica

Die Bibliothek des Christianeum hält eine lateinische Handschrift, deren Titel auf dem Rücken des Originaleinbands noch lesbar ist, der aber der Anfang fehlt: Historia de statu Belgico et religione Hispanica, datiert 1545. Von dieser Schrift ist nur eine einzige weitere handschriftliche Kopie in der Apostolischen Bibliothek des Vatikans bekannt.

Der Verfasser war Francisco de Enzinas (1518-1552), ein spanischer Protestant und Student des Griechischen bei Philipp Melanchthon (1497-1560) in Wittenberg. Bei seinem Lehrer hatte er die erste Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Spanische angefertigt: El Nuevo Testamento De nuestro Redemptor y Salvador Iesu Christo. Bei dem Versuch, diese 1543 in den Niederlanden drucken und vertreiben zu lassen, wurde er verhaftet, verbrachte zwei Jahre im Gefängnis und kehrte nach geglückter Flucht 1545 nach Wittenberg zurück, wo er auf Wunsch Melanchthons seine Erlebnisse aufschrieb, seine Historia.

Bibel2Die Bibliothek des Christianeums hält neben der lateinischen Copia der Historia des Enzinas auch eines der bei der Konfiszierung des Drucks 1543 in den Niederlanden vor der Inquisition geretteten, extrem raren Exemplare des Nuevo Testamento, der ersten Übersetzung des Neuen Testaments ins Spanische in der Geschichte überhaupt.

Eine deutsche Übersetzung der spannenden Historia des Francisco de Enzinas von Hedwig Boehmer, die den Anfang des Exemplars aus dem Vatikan berücksichtigten konnte, erschien 1893 in Bonn unter dem Titel Denkwürdigkeiten vom Zustand der Niederlande und von der Religion in Spanien in nur 100 Exemplaren, von denen neben einem Druck in der Christianeumsbibliothek nur noch weitere sieben Stücke weltweit nachgewiesen sind. Das Exemplar dieser Übersetzung von 1893 im Christianeum, bereits ein Produkt der Massenbuchdruckzeit auf holzhaltigem Papier, hat Säurefraß im letzten Stadium und wird, wie die sieben weiteren weltweit auch, in den nächsten Jahrzehnten unrettbar zerfallen.

 

Felicitas Noeske

Über Francisco de Enzinas

 







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Friederich Martens:

Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671

 

Der Schiffsbarbier Friederich Martens (genaue Lebensdaten unbekannt) schrieb 1671 seine Reise nach Grönland und Spitzbergen auf, versehen mit nach der Natur gefertigten Federzeichnungen, darunter auch solche von Walen und Seehunden, seinerzeit ungeheuerlichen Geschöpfen. Die Schrift wurde umgehend gedruckt und bestimmte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts für die Gelehrten und Forscher das Bild der Arktis. 

Martens verfasste auch eine „Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671“, ebenfalls versehen mit Zeichnungen von Meer, Landsilhouetten, Flora und Fauna. Die „Allgemeine Deutsche Biographie“ kennt diese Schrift nicht. Das erstaunt nicht insofern, als das Manuskript von 1671 erst 1925 ein erstes und einziges Mal – in einer geringen Auflage und in einer ins aktuelle Deutsch übertragenen Fassung – gedruckt wurde, und zwar von Wilhelm Junk, Verleger in Berlin, Insektenkenner und Antiquar Ernst Jüngers; Junk starb 1942 im Exil und die Handschrift, wurde, ebenso wie der broschierte Druck von 1925, wiederum vergessen.

martenshispan.reise.seesturmEingebunden in das reich mit Blattgold und Malereien verzierte mittelalterliche Foliofragment einer Chorhandschrift auf Pergament, gehört die Handschrift zum Bestand der Gymnasialbibliothek des Christianeums, der sie durch den Gelehrten Johann Peter Kohl (1668-1778) im Rahmen seiner Schenkung, dem Donum Kohlianum, 1768 übereignet worden war. Das originale, in barocker Sprache verfasste Manuskript hat – außer seinem Autor Martens, dem Vorbesitzer, der ihr vermutlich den wertvollen Einband verpasste, den Bibliothekaren der Anstalt und 1925 Wilhelm Junk nebst einem mit ihm arbeitenden Professor Reh vom Hamburger Zoologischen Museum – bislang wohl kaum jemand gelesen.

Felicitas Noeske


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Die Inkunabelsammlung des Johann Adrian Bolten

Der Altonaer Pastor Johann Adrian Bolten (1742-1807) besaß eine große Bibliothek, aus der das Christianeum 1808, ein Jahr nach Boltens Tod, auf einer Auktion die umfangreiche Sammlung von 41 Inkunabeln - das sind bis einschließlich des Jahres 1500 erschienene gedruckte Schriften, auch „Wiegendrucke“ genannt – erwarb.

Die Inkunabeln dokumentieren durch ihren Sammler ein Stück Altonaer Geschichte und verdeutlichen zugleich die besondere Rolle der Christianeumsbibliothek für die Stadt im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Sie wurden in der Christianeumsbibliothek 1850ff. im Bandkatalog D auf den Seiten 13, 43 und 44 erfasst. Bis auf 3 Wiegendrucke, die unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkriegs in die Staatsbibliothek Hamburg gelangten (wo sie sich heute noch befinden), hält die Christianeumsbibliothek die übrigen 37 Drucke (darunter auch 4 sog. Postinkunabeln, gedruckt zwischen 1504 und 1510) in 29 Bänden. Diese Bände haben durchweg bis auf wenige Ausnahmen noch ihre originalen Buchdecken des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. DSC09589_3_480x640

Die einzelnen Exemplare sind nach vielfacher Bewegung durch mehrfache Umzüge der Bibliothek und Kriegsauslagerungen mitgenommen; nicht wenige zeigen deutliche Spuren mechanischer Beanspruchung, vor allem ihrer Einbände. Einige wertvolle Exemplare können aufgrund des Zustands ihrer Buchdecken nur noch unter weiteren Verlusten bewegt und deshalb auch nicht mehr angemessen gepflegt werden.

Eine Inkunabel, bislang unbekannten Druckers, Orts und Datums, aus der Sammlung Bolten wurde im Dezember 2011 lokalisiert:  Praeceptorium divinae legis des Johannes Nider.

Felicitas Noeske  

(Foto: ©Klaus Ropelius)

Mehr über Johann Adrian Bolten

 

Aus Boltens Inkunabelsammlung

 

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Gabriel Biel: Sacri canonis missae expositio. Hrsg. Wendelin Steinbach. Mit Beig. von Heinrich Bebel. Tübingen: [Johann Otmar für] Friedrich Meynberger, 29.XI.1499. 2°

Reproduktionen: Guadalajara BP (Digitalisat). München SB (Digitalisat).

Gabriel Biel aus Speyer (um 1415-1495) war ein scholastischer Philosoph und Gründungsmitglied der Universität in Tübingen. Sein Werk zeigt ihn als Denker eines Übergangs von spätem Mittelalter zur frühen Neuzeit. Er entwickelte Ideen zu einer Systematik von Recht und Wirtschaft, sah indes theologisch weiterhin die höchste Autorität im Papsttum. Seine Werke wurden auf dem Trienter Konziel ebenso wahrgenommen wie von Luther und Melanchthon, auf die sie nicht ohne Einfluss waren. In seiner Sacri canonis missae expositio, seinem ersten Werk, behandelt er den Kanon der heiligen Messe.

Der Lederrücken des Kettenbuchs im Folioformat ist vollständig vom Buchblock gelöst und nur noch in Fragmenten vorhanden. Die Bindung des Buchblocks zeigt dementsprechende Instabilität, die Bünde halten indes noch die beiden Holzdeckel. Der Ledereinband mit Prägung ist an Vorder- und Rückdeckel abgerissen und zum Teil ausgefranst; das Leder ist brüchig und an den Rändern in Zerfall. Die Kette ist vollständig erhalten, Vorder- und Rückdeckel haben noch die metallenen Reste der nicht mehr vorhandenen Buchschließen. Der Druck auf Hadernpapier ist in sehr gutem Zustand, das Papier ist nach wie vor fest und weist keine nennenswerten mechanischen Schäden auf; es ist lediglich, vor allem auf dem Buchschnitt, stark verstaubt.

Felicitas Noeske     (Fotos: © Klaus Ropelius)

Eine Auswahl weiterer  Inkunabeln aus der Sammlung von Johann Adrian Bolten:
TEIL 1 | TEIL 2
(Fotos: © Klaus Ropelius)