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Scrinia selecta - Boccaccio: Il Filostrato

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Giovanni Boccaccio:

Il Filostrato (Codex Christianei)


Der Codex Christianei, entstanden in Norditalien um 1360, enthält die italienische Handschrift des Il Filostrato, eines Frühwerks von Giovanni Boccaccio (1313-1375), dem Verfasser des weltbekannten Decamerone. Die Handschrift auf Pergament ist reich  illustriert mit Buchmalereien.  Sie gehörte zum Donum Kohlianum, der Schenkung des Johann Peter Kohl (1698-1778), und befindet sich seit 1768 im Bestand der Christianeumsbibliothek, wird aber aus Sicherheitsgründen nicht dort aufbewahrt.

Während der unterdessen weltweit bekannte Codex Altonensis (um 1360/80 entstanden), die illuminierte Prachthandschrift von Dantes Comedia  (Göttliche Komödie) aus der Christianeumsbibliothek, bereits 1965 faksimiliert und kunsthistorisch eingeordnet worden war, blieb der Codex Christianei selbst in Fachkreisen bis heute weitestgehend unbekannt; Textcorpus und Buchmalerei sind bislang unerforscht. Il Filostrato (eine griechisch/lateinischeWortschöpfung Boccaccios, etwa: Der von der Liebe Niedergestreckte) erzählt in Stanzen die antike Geschichte von Troilus und Cressida aus der Ilias und war für den englischen Dichter  Geoffrey Chaucer (um 1343-1400) die Vorlage für seine in englischer Sprache verfasste Verserzählung mit dem Titel Troilus and Criseyde, die wiederum William Shakespeare (um 1564-1616)  zu seinem gleichnamigen Theaterstück Troilus and Cressida (gedruckt 1610) inspirierte.

Von den wenigen erhaltenen italienischen Handschriften dieses Frühwerks von Boccaccio  sind aus dem 14. Jahrhundert nur vier vollständige Kopien verzeichnet, weshalb der Codex Christianei einen unschätzbaren Wert auch für die Shakespeare-Forschung in aller Welt darstellt. 2013 wird Giovanni Boccaccio 700 Jahre alt. 64_2

Die Erzählung von Leidenschaft und Eifersucht ist mit zahlreichen Vignetten sowie den mit  kleinen Szenen ausgemalten Initialen, den Großbuchstaben am Anfang eines Kapitels, illustriert; die Illustrationen folgen dem Inhalt der Erzählung und bilden vermutlich eine einmalige Sammlung in der mittelalterlichen Buchmalerei: nahezu die Hälfte der szenischen Darstellungen zeigen Betten, jeweils in unterschiedlichen Mustern und Farben der Bezüge, und bieten damit womöglich einen Einblick in die italienischen Bettmoden des späten Mittelalters, die dem heutigen Schlafdesign in Italien nicht unähnlich erscheinen.

(Ein weiteres Bett-Beispiel in einem Initial des Codex Christianei ist hier zu besichtigen.)

Felicitas Noeske

Fotos: Folke Gernert, Kiel