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Mitteilungen aus der Bibliothek - Luchts Hand

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Luchts Hand

von Felicitas Noeske

 

 

 

 

Die „Göttliche Komödie“, die weltberühmte „Comedia“ des Dante Alighieri (1265 - 1321), Beginn des 24. Gesangs im zweiten Teil, dem „Purgatorio“. Dante und Vergil erklimmen über insgesamt sieben Terrassen den aus einem Meer herausragenden „Läuterungsberg“. Auf jeder Stufe treffen sie auf die Seelen Verstorbener, die der Hölle, dem trostlosen „Inferno“, entronnen sind und in der Hoffnung auf das Paradies ihre Sünden in Form von deren Umkehrung ins Gegenteil büßen dürfen. Auf der sechsten Terrasse begegnen die beiden Reisenden - und damit beginnt der 24. Gesang - den Seelen der Maßlosen, die in Hunger und Durst schmachten müssen.

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Der Künstler, der um 1360 die Szene im Codex Altonensis, der Handschrift der „Comedia“ aus der Bibliothek des Christianeums, mit Wasserfarben in feiner Lasurtechnik illustrierte, füllte die Lücke, die der Schreiber für ihn auf dem Pergamentblatt zwischen den italienischen Terzinen, den Strophen aus drei Versen, ausgespart hatte und hielt sich dabei genau an den Text: „El [=ne il] dir landar nel andar lui piu lento / facea ma ragionando andavam forte / si come nave pinta da buon vento“ (Reden und Gehen taten wechselseitig / Sich keinen Eintrag, und wir gingen eilends / Gleich wie ein Schiff von gutem Wind getrieben*) Die untere Terzine lautet: „Et lombre che parean cosa rimorte / p[er] le fosse delli occhi ammiratione / traevan me di mio vivere accorte“. (Und jene mehr als toten Schatten starrten / Verwundert aus den Höhlen ihrer Augen / Auf mich, da sie mich lebend noch gewahrten.*) Neben diese Verse und unter die aus den Höhlen ihrer Augen starrenden mehr als toten Schatten, nackt und in einen Schleier aus Fegefeuer gehüllt, schrieb eine Hand des 19. Jahrhunderts mit Tinte in festen kleinen Buchstaben - und mit einem Punkt hintendran - das Wort „Lucht.“

016_1__Dir._Lucht___ausschnittProfessor Dr. Marx Johannes Friedrich Lucht (1804 – 1891), Träger des Roten Adlerordens 3. Klasse, war von 1853 bis 1882 Direktor des Christianeums und hält damit den Anstaltsrekord der längsten Amtszeit. Der Philosoph und Pädagoge Friedrich Paulsen (1846 – 1908), Schüler des Christianeums von 1863 bis 1868, hinterließ in seiner autobiographischen Schrift „Aus meinem Leben. Jugenderinnerungen“, erschienen in Jena 1909, ein recht lebendiges Bild der Erscheinung Luchts: „Er war ein Mann zwischen 50 und 60, eine hohe, schlanke, überaus biegsame Gestalt, in beständiger Bewegung; ein kräftig gebauter hoher Schädel, von weißen Haaren weniger verdeckt als umrahmt, gab ihm etwas Ehrwürdiges. Er stand bei uns im Ruf großer Gelehrsamkeit besonders im Gebiet der römischen Altertümer.“

Professor Luchts besonderes Verdienst bestand in der Pflege der „Großen Bibliothek“ der Anstalt, deren systematische Aufstellung er ab 1854 besorgte und gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Peter Schreiner Frandsen in insgesamt 17 Bandkatalogen erfasste. In diesen Folianten ist - neben den zahlreichen Manuskripten Luchts in den Dokumenten des Christianeumsarchivs - seine überaus charakteristische Handschrift erhalten: fest, winzig und ohne durchgehenden Duktus, d.h. die Buchstaben sind einzeln gesetzt und weisen typische kleine Schnörkeleien und Häkchen auf. Hinter seine Unterschrift setzte er stets einen Punkt. Die Schrift im Codex Altonensis, in der eine vorwitzige Hand „Lucht.“ unter die starrenden Seelen malte, ist die Luchts; aber war es wirklich seine Hand? 

cod.a.lucht.sig_3M. J. F. Lucht war mit Leib und Seele Philologe und hatte 1878 den Codex Altonensis ausführlich im „Schulprogramm“, dem jährlichen Bericht des Christianeums zu Altona, beschrieben. Er wusste um den Wert dieser Handschrift und ahnte bereits ihren hohen Rang innerhalb der Überlieferung des italienischen Nationalepos. Schwer vorstellbar ist angesichts dieser Gelehrsamkeit, dass er sich auf dem jahrhundertealten Pergamentblatt 79 verewigte, warum auch? Und warum ausgerechnet unter den augenlos starrenden mehr als toten nackten Seelen?

behrens1_2Ein Blick durch die Lupe zeigt, dass er's nicht war. Zwar sind die Buchstaben seiner Unterschrift perfekt nachgeahmt, aber die Tinte ist nicht die Luchts und die Buchstaben sind, im Gegensatz zu Luchts kleinen, persönlichen Federzügen, zu bewusst aufgemalt. Da hatte jemand geübt. Lucht unterschrieb alle Zeugnisse und Schriftstücke mit seinem Nachnamen, „Lucht.“ Jeder Kollege und jeder Schüler hatte die unverwechselbare Signatur des Christianeumsdirektors irgendwann zur Hand. Wer war der freche und geübte Vandale? Ein Kollege, den in einem unbeobachteten Moment der Hafer stach bei der Betrachtung der in Fegefeuer gehüllten Buße in einer spätmittelalterlichen grandiosen Prachthandschrift? Oder gar ein Schüler, zum Studium der großen Dichtung im Original gezwungen oder verführt?

Friedrich Paulsen erinnerte sich an Luchts Gegenwart so: „Sein Unterricht büßte an Wirksamkeit durch einen gewissen Mangel an Energie ein, er hatte nicht das Vorwärtsdrängende, das die Jugend mitnimmt; schon die schleppende, mit eingeschobenen, mißtönenden Flicklauten, die sich oft zu ganzen Reihen häuften, überladene Sprache gab seinen Stunden oft etwas Schläfrig-Mattes.“ Vielleicht sah sich jemand, wer immer er auch war, angesichts der nebenstehenden Verse Dantes und des mittelalterlichen Bildes an diese Gegenwart erinnert.

* Übersetzung siehe Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Italienisch und Deutsch. Übersetzt von Hermann Gmelin. II. Teil: Der Läuterungsberg. Stuttgart 1974, S. 283

 

Foto Codex Altonensis  Blatt 79 verso: Klaus Graf (Quelle + Lizenz)

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 66. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2011