Gymnasium CHRISTIANEUM

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Mitteilungen aus der Bibliothek - Zwei Inkunabeln lokalisiert

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Aus der Bibliothek des Christianeums:

Zwei Inkunabeln lokalisiert

 

 

 

 

 

Zwei Inkunabeln, Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts, aus der Christaneumsbibliothek, die bislang nicht eindeutig einem Datum, Ort und Drucker zugeordnet werden konnten, wurden im Dezember 2011 mithilfe der modernen Datenbanken für Inkunabeln im Internet lokalisiert.

Quelle ist eine Liste gewesen, die Johannes Claussen, Bibliothekar des Christianeums von 1893 bis 1910, von den Christianeumsinkunabeln erstellt und 1897 im Schulprogramm als „Verzeichnis der Drucke aus dem 15. Jahrhundert“ veröffentlicht hatte. Dieses Verzeichnis war 2005/06 Grundlage zur Erfassung unseres Inkunabelbestandes im Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) in Berlin, der bis dahin erst wenige Titel aus dem Christianeum enthielt. Zwei Drucke, denen die üblichen Druckvermerke am Schluss fehlen, konnte man seinerzeit auch in Berlin nicht zuorden. Die heute im Internet verfügbaren Datenbanken und deren nachhaltige Aktualisierungen machten es im Dezember 2011 möglich, die beiden Drucke zu bestimmen.DSC09580_2_369x640DSC09583_2_480x640

Johannes Nider: Praeceptorium divinae legis. Fol.; 2col., cum signis, 46 lin. - das war der Eintrag von 1897 gewesen. Das Werk des Johannes Nider (1385-1438), Theologe und Dominikaner, bot neben einer Auslegung der zehn Gebote für gebildete Laien und Beichtväter auch Betrachtungen von allerlei Formen des Aberglaubens, wie zum Beispiel der Wahrsagerei, der Tierverwandlung und des Flugs durch die Luft. Das Praeceptorium divinae legis wurde im 15. Jahrhundert vielerorts gedruckt und weit verbreitet; das Christianeum besitzt zwei Inkunabeln dieses Titels, eine gedruckt von Ulrich Zell in Köln um 1475, die andere in ihrer Herkunft bislang unbekannt. Der einzige Hinweis schien die Angabe von 46 Zeilen („46 lin.“) für die einzelne Druckseite.

Der Gesamtkatalog der Wiegendrucke wies nur drei Drucke des 15. Jahrhunderts mit 46 Zeilen nach, davon zwei mit einem Digitalisat. Der dritte, mit der GW-Nummer M26945, ist im Verzeichnis des GW-Online-Katalogs mit den Scans von zwei alten Archivzetteln versehen, auf denen eine spätere Hand, vermutlich der 1920er Jahre, ein „Altona, Christianeum“ hinzufügte: jemand hatte das Exemplar gesehen: M26945 Nider, Johannes: Praeceptorium divinae legis. [Strassburg: Drucker der Vitas patrum].2°. 2 Sp. 46 Z. Der Vergleich unseres Drucks mit den Angaben auf den Archivzetteln ergab uneingeschränkte Übereinstimmung. Ein weiterer Druck von M26945 ist im GW nicht nachgewiesen.

Der im Christianeum vorhandene Druck ist mit zwei weiteren Inkunabeln zusammengebunden (Signatur D 43/7). Der Band stammt aus der Sammlung des Johann Adrian Bolten und hat noch seinen originalen Einband des 15. Jahrhunderts.Drucker.Mentelin.1472

Bei dem zweiten nunmehr lokalisierten Druck handelt es sich um die Epistolae familiares des Eneas Sylvius. Eneas Sylvius Piccolomini war der bürgerliche Name des Papstes Pius II. (1405-1464). Die Pius-Briefe fanden im frühen Buchdruck des 15. Jahrhunderts rasch Verbreitung in ganz Europa. Bibliothekar Claussen hatte den Druck 1897 mit dem Titel und folgender Zuordnung geführt: Straßburg, Johann Mentelin, ca. 1472. Diese Zuordnung konnte nicht richtig sein; weder das internationale Inkunabel-Verzeichnis der British Library (ISTC) noch der Gesamtkatalog der Wiegendrucke (Berlin) kannte überhaupt eine Edition der Papst-epistolae aus der Werkstatt des berühmten Straßburger Druckers Johannes Mentelin (um 1410-1478).

Die Digitalisierung alter Drucke macht eine Identifizierung einwandfrei möglich: Auf der Seite des Incunabula Short Title Catalogue der British Library (ISTC No.: ip00716000) ist das Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek verlinkt - und dessen zweite Textseite beweist im Vergleich, um welchen Druck der Papstbriefe es sich bei dem hier gezeigten aus der Christianeumsbibliothek handelt:

Pius II, Pont. Max. (vormals Aeneas Sylvius Piccolomini): Epistolae familiares. De Duobus amantibus Euryalo et Lucretia. Descriptio urbis Viennensis. Herausgegeben von Nicolaus von Wyle; (Reutlingen: Michael Greyff), nicht nach 1478. (Auch angegeben als: Esslingen [ohne Drucker], und Straßburg [“R-Drucker”, i.e. Adolf Rusch].

Weiteres zu den Pius-Briefen im Christianeum bei Bibliotheca Altonensis

Felicitas Noeske

(2011)