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Mitteilungen aus der Bibliothek - Die Identifizierung eines Fragments am 2. Advent 2011

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Pergamentmakulatur
Die Identifizierung eines Fragments am 2. Advent 2011
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Die Identifizierung eines Fragments am 2. Advent 2011

Ein Artikel über die „Pergamentmakulatur“ (erschienen in Christianeum, Jg. 65, Heft 2 2010) führte zu der Entdeckung, dass der Einband eines Buches aus dem 16. Jahrhundert das Fragment der nur in wenigen handschriftlichen Exemplaren erhaltenen Schrift des Johannes Marienwerder (1343-1417), Das Leben der zeligen vrouwen Dorothea (Das Leben der heiligen Dorothea, entstanden um 1400), enthält. Identifiziert wurde es von Dr. Stephen Mossman, University of Manchester (UK).

Der Aufsatz im Christianeumsheft im Dezember 2010 bebilderte die Einleitung mit dem Foto des Einbands eines Drucksammelbandes, lateinische Ausgaben des 16. Jahrhunderts von Homer enthaltend, insbesondere dessen Ilias (gedruckt 1537) und Odyssee (gedruckt 1534). Das Buch gehörte Georg Christian Matern de Cilano (1696-1778), dem ersten Bibliothekar des Christianeums, der es zusammen mit zahlreichen anderen Werken seiner Privatbibliothek dem Gymasium academicum vermachte; er schrieb seinen Namen in den Innendeckel. Ein weiterer, früherer Vorbesitzer hatte die Abschrift eines Briefes von Joseph Scaliger an Friedrich Lindenbrog auf dem Vorsatz hinterlassen.

Der Artikel zur Pergamentmakulatur, seit kurzer Zeit erst auf den Bibliotheksseiten der Christianeumshomepage, wurde am 2. Advent, dem 4. Dezember 2011, im Archiv- und Bibliotheksblog Archivalia als Link gepostet. Der Betreiber des Blogs, der Historiker Dr. Klaus Graf, hatte im August 2011 unsere Bibliothek besucht, einige Fotos gemacht, auch solche von unseren Pergamentzweckentfremdungen; unter anderem hatte er den mit dem Fragment eingebundenen Band mit der Signatur A II 97/1 fotografiert und die Handschrift ins 15. Jahrhundert eingeordnet. Der Eintrag in Archivalia am 2. Advent 2011 stand kaum zwei Stunden in dem Blog, als sich Dr. Stephen Mossman,  Dozent für Mittelalterliche Geschichte und Literatur an der Universität in Manchester (UK), dort meldete und das Fragment anhand der Fotos identifiziert hatte: Das Leben der zeligen vrouwen Dorothea von Johannes Marienwerder.

Der Domdekan und Deutschordenspriester Johannes Marienwerder (1343-1417) war Beichtvater der Dorothea von Montau (1347-1397). Dorothea war die Tochter eines vermögenden Bauern und die Witwe eines Waffenschmieds in Danzig; sie hatte religiöse Visionen und wählte nach dem Tod ihres Mannes das Leben als Klausnerin in einer Zelle im Dom zu Marienwerder in Pommern. Domdekan Johannes schrieb ihre Visionen auf und betrieb ihre Heiligsprechung, die 1404 aber abgebrochen wurde und erst im Jahr 1976 erfolgte. Johannes Marienwerders Darstellung in deutscher Sprache wurde 1492 gedruckt und 1863 von Max Toepper im 2. Band der Scriptores rerum prussicarum ediert und kommentiert. Der Schriftsteller Günter Grass (*1927), Nobelpreis 1999, erzählte in seinem erstmals 1977 erschienenen Roman Der Butt die Geschichte der Dorothea aus der Sicht ihres frustrierten Ehemannes.

An handschriftlichen Zeugnissen wies der Marburger Handschriftencensus, das Verzeichnis deutschsprachiger mittelalterlicher Handschriften, bisher nur vier Nennungen nach, nunmehr ist die fünfte, das Fragment aus dem Christianeum, hinzugekommen. Nur in Wolfenbüttel und in Stuttgart finden sich jeweils vollständiges Handschriften vom Leben der heiligen Dorothea auf Papier, in Köln und Torún finden sich lediglich Fragmente auf Pergament. Ob das Christianeumsfragment zu dem einen oder anderen Fragment gehört oder ein weiteres, bislang unbekanntes Textzeugnis darstellt, ist noch zu erforschen; das Blatt aus dem Christianeum ist das bislang einzige Zeugnis, das für die Öffentlichkeit in Fotografien vorliegt.

 

Siehe dazu:


Blogeintrag in Archivalia mit Links zu weiteren Fotos und der Identifizierung des Blattes durch Stephen Mossman

Handschriftencensus: Marienwerder, Johannes: Leben der zeligen vrouwen Dorothea

Max Toeppen: Scriptores rerum prussicarum Band 2; Leipzig, 1863. S. 179-350; die Transkription der Passage, die dem Christianeumsfragment entspricht, nach der  Königsberger Handschrift (heute in Torún) und dem Druck befindet sich auf S. 305: Schluss Cap. XX und Beginn Cap. XXI, Buch III.

Günter Grass: Der Butt. Roman (1977) Werkausgabe in zehn Bänden, Band V. Luchterhand 1987; S. 125-196

 

Felicitas Noeske

mit Dank an Klaus Graf und Stephen Mossman

 

Epilog:

Am 27. Dzember 2011 konnte anhand eines Vergleichs mit Scans, die die Hill Museum & Manuscript Library (Minnesota, USA)  von einem alten Schwarzweiß-Mikrofilm hatte anfertige lassen und uns zum Vergleich zur Verfügung stellte, festgestellt werden, dass unser Fragment mit hoher Wahrscheinlichkeit aus derselben Pergamenthandschrift stammt wie die beiden Blätter aus dem Historischen Archiv der Stadt Köln. (Mit Dank an Dr. Matthew Z. Heintzelman, St. John's University, Minnesota)

Nach dem Einsturz des Kölner Archivgebäudes 2009 standen die beiden Blätter für einen Vergleich nicht zur Verfügung, es gab nur den Film in Minnesota. Die beiden Kölner Blätter enthalten das Ende Cap.l XXIX, Cap. XXX sowie den Anfang Cap. XXXI Buch I (bei Toeppen S. 227-228) und Cap. XXVII Buch I (bei Toeppen S. 225). 

Am 30. Dezember 2011 kam per Mail die Nachricht von Dr. Max Plassmann (Historisches Archiv der Stadt Köln), dass beide Kölner Blätter den Einsturz überstanden haben, "aber noch nicht wieder für eine Auswertung zugänglich" seien.

 (No 2011/2012)