Gymnasium CHRISTIANEUM

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Bibliothek Mitteilungen aus der Bibliothek

Mitteilungen aus der Bibliothek - Pergamentmakulatur

Drucken
Beitragsseiten
Mitteilungen aus der Bibliothek
Suchkinder
Schulprogramme
Flickwerk
Pergamentmakulatur
Die Identifizierung eines Fragments am 2. Advent 2011
Zwei Inkunabeln lokalisiert
Luchts Hand
Hippo.
Griechische Handschriften
Alle Seiten





 

Pergamentmak.einband.16.jh

 

 

 

 

 

Aus der Bibliothek: Pergamentmakulatur

von Felicitas Noeske

Eine Ausgabe von Homers Ilias und Odyssee in lateinischer Sprache im Oktavformat, gedruckt 1537 und 1534, hat einen Einband, der sich lesen lässt: aufgeklappt und auf den Vorderdeckel gestellt, zeigt sich das Fragment eines geistlichen Erbauungstraktats in deutscher Sprache, geschrieben von einer Hand des 14. oder 15. Jahrhunderts auf Pergament.

***

Ab etwa 1400 begann in Europa der Siegeszug des Papiers, das zunehmend das teure Pergament verdrängte. Mit dem Guss beweglicher Lettern setzte Johannes Gutenberg Mitte des Jahrhunderts eine beispiellose, nicht nur geistige Revolution in Gang: die unaufhaltsame Verbreitung der Ideen durch den Buchdruck. Die sorgsam auf Pergament geschriebenen Texte waren nun überflüssig. Der teure Beschreibstoff wurde indes nicht entsorgt, sondern „makuliert“, das heißt, anderen Zwecken zugeführt. Pergament, hergestellt aus ungegerbter Haut von Schafen und Ziegen, ist fest, geschmeidig und sehr haltbar. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert benutzte man die heute als Pergamentmakulatur bezeichneten Pergamentblätter und –fragmente alter Gebrauchshandschriften als Einbände für Bücher und Akten und für Buchreparaturen; in der Bibliothek des Chistianeums finden sich neben der Homer-Ausgabe des 16. Jahrhunderts zahlreiche, auch frühe Beispiele für die unterschiedlichen Zweckentfremdungen der als Beschreibstoff obsolet gewordenen Haut.

***

Pergamentmak.flickenEin Folio, mehrere Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts enthaltend, hat noch seine ursprüngliche erste Buchdecke: es wurde in schwere, mit geprägtem Leder überzogene Holzdeckel eingebunden und bekam am Rückdeckel eine Kette, um es vor dem Sturz vom Lesepult zu bewahren. Einbandspiegel und Vorsatzblätter sind aus Pergament; sie wurden vor dem Gebrauch sorgsam mit Kreuzstich geflickt, womöglich ein Hinweis, dass die Blätter vorher beschrieben gewesen sein könnten und beim Abkratzen der Schrift mit dem Bimsstein Löcher bekommen hatten. Am oberen Rand des Rückdeckels ist ein Stück aus einem mittelalterlichen Chorbuch eingeklebt: es schützte den wertvollen Inhalt, die Drucke, vor den Nägeln des eisernen Kettenanschlags; der Chorbuchflecken und das Vorsatzpergament sind nach Jahrhunderten durchgerostet, der Druck blieb unversehrt.

Pergamentmak.bindungEin kleines, dickes Bändchen mit Sonetten des italienischen Dichters Petrarca, gedruckt in Venedig 1573, wurde in Pergament eingebunden. Da der Einbandspiegel sich gelöst hat, liegt das Innenleben der Buchdecke bloß: Streifen einer in roter und schwarzer Tinte geschriebenen lateinischen Schrift verbinden die einzeln gehefteten Lagen; die heraushängenden dünnen Pergamentschnipsel sind die Enden der Bünde des Buchrückens.

pergamentmakulatur.martens.hispan.reiseIm Barock schätzte man gelegentlich die beschriebenen Pergamente als Einbanddekor; in Bibliotheken mit historischen Beständen wie der des Christianeums finden sich nicht selten eine ganze Reihe von Einbänden, vorwiegend des 17. Jahrhunderts, zum Beispiel aus mittelalterlichen Chorbüchern, deren Notationen ein hübsches grafisches Muster bilden. Ein Beispiel aus der Bibliothek des Christianeums ist indes ungewöhnlich: eine mit reichem Buchschmuck versehene Chorbuchseite dient als einfacher Buchschutz. Die Zimelien, das sind die Prachthandschriften des Mittelalters mit den kostbaren Malereien, wurden nicht makuliert; Dekore wie hier, mit einer geschmückten Initiale und einer Randleiste aus feiner Malerei und Blattgold, wurden nicht weiterverwertet, sondern gelegentlich vor einem Makulieren lediglich der Schriftpartien ab- oder ausgeschnitten und aufbewahrt. Die kostbare mittelalterliche Chorbuchseite umhüllt ein einzigartiges Manuskript des 17. Jahrhunderts, die „Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671“ des Friedrich Martens mit zahlreichen Federzeichnungen des Verfassers von Meer, Landschaft, Flora und Fauna. Der Besitzer, der sein Manuskript vor Jahrhunderten einbinden ließ, muss es für so wertvoll erachtet haben, dass er es mit einer Kostbarkeit schützend umgab.

Pergamentmak.Wrterbuch_465x640Das 18. Jahrhundert verfuhr profan: die alten Pergamente dienten nun auch gern zum Eindeckeln von Akten. Ein Konvolut, das Lübecker Episkopat betreffend, ruht wohlbehütet und geheftet in einem spätmittelalterlichen Manuskript: in einer „Tabula alphabetica“, einem Wörterbuch lateinischer Begriffe mit roten Initialen und Rubrizierungen als haltbarem Staubfänger.

***

Palimpseste, die abgewaschenen und neu beschriebenen Pergamente, hatten die griechische Antike gleichsam im Untergrund schriftlich überliefert und dienen heute, durch die Technik wieder lesbar gemacht, der Wissenschaft. Der Wert der Pergamentmakulaturen für die Philologie wurde bereits im 19. Jahrhundert entdeckt; gleichwohl wurden die kleinen, oft in den Buchdecken verborgenen Zeugnisse der mittelalterlichen Schriftkultur zusammen mit den meist maroden uralten Einbänden bei deren Erneuern weggeworfen. Heute sind sie etablierter Bestandteil der Einband- und der Handschriftenforschung; Buchrestauratoren sichern und bewahren makulierte Schriften, wenn sie ihnen im Innern der Buchdecken begegnen.

 

2005 wurde im Zuge einer Buchrestaurierung ein Stück Pergamentmakulatur entdeckt, das eine Passage aus Wolfram von Eschenbachs Epos „Parzival“ enthält. Aus den 1960er Jahren stammt ein berühmt gewordener Fund im Kloster Benediktbeuren: eine lediglich in Form von mehreren Längsstreifen erhaltene und bis dahin unbekannte Fassung des „Armen Heinrich“ von Hartmann von Aue aus dem 13. Jahrhundert. Die „Heinrich“-Streifen hatten dermaleinst den Mönchen zum Abdichten von Orgelpfeifen gedient.

________________________________________________________________

Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 65. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2010. S. 100ff.


Siehe auch: Zweckentfremdung