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Bilder aus der Bibliothek: Flickwerk

von Felicitas Noeske

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Leser ruinieren Bücher, sofern diese nur alt genug werden: sie lassen sie fallen, klappen sie unentwegt auf und zu, aber vor allem lesen sie darin, was oft nicht zum Wohle der Bücher ist. Leser hinterlassen nicht nur allerlei zwischen den Seiten, sie lesen auch im Dunkeln. Vor der Erfindung des elektrischen Lichts vertiefte sich der Leser bei Kerzenlicht ins Buch, und nicht selten fiel die Kerze um und hinterließ Brandlöcher im Buchblock. Der Codex Altonensis, Dantes „Comedia“, eine Prachthandschrift des 14. Jahrhunderts aus der Bibliothek des Christianeums, weist im hinteren Teil einen Brandschaden dieser Art auf. Die Löcher wurden sehr geschickt geflickt mit eigens zugeschnittenen Pergamentstücken, die verbrannten Schriftpartien sind sorgfältigst über der Reparatur nachgetragen. klebeband.blaupapier1

Spätere Jahrhunderte reparierten Gebrauchsschäden mit Papier und Kleister. Ein schnell gedrucktes Heftchen mit satirischen „Grabschrifften“ von 1662 fiel nach häufigem Lesen aus der Naht, man überklebte den Rücken mit einem Papierstreifen, den ein fleißiger Bibliothekar des Christianeums im 19. Jahrhundert dazu nutzte, einen Vermerk über die Herkunft des kleinen Drucks zu hinterlassen.

klebeband.2.aAus dem Leim gegangene Lederrücken ließen sich nicht mit Papier wieder am Deckel befestigen. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Klebebänder in den Handel, einseitig mit einem Haftstoff versehen, die in Schwarz oder Grau gern auch in Bibliotheken verwendet wurden. Mit diesen Klebebändern reparierte der diensthabende Bibliothekar des Christianeums die durch Lehrer- und Schülerhände besonders ramponierten Werke, wie zum Beispiel ein Lehrwerk über die Violine. Hübsch sah’s nicht aus, die Rückenprägung nebst Titel wurde halbiert, und halten tat’s auch nicht, wie sich Jahrzehnte später herausstellte: der Haftklebstoff löste sich von selbst auf und nahm die oberste Buchdeckelsubstanz gleich mit. Hielten die Klebebänder, arbeiteten sie sich im Verborgenen stetig durch die Materialen, denen sie Halt geben sollten, bis ein zunächst nur loser Buchrücken endgültig jeden Anschluss zu seinem Deckel verlor. klebeband.tesa

Noch bevor sich derartige Schäden ankündigten, hatte man seit den 1930er Jahren allerdings einen sensationellen Ersatz: das durchsichtige Klebeband namens Tesafilm: endlich ließen dem Bibliothekar die Klebebänder nach der Reparatur zerrissener Seiten oder abgelöster Einbandteile auch weiterhin freie Sicht auf Texte und Buchschmuck. Allerdings nur für kurze Zeit, wie sich herausstellen sollte: Die Tesa-Bänder verfärbten sich braun, lösten sich von ihrem Untergrund, hinterließen bleibende Spuren unaussprechlicher Anmutung auf Buchseiten und Einbänden und machten jede „Sing- und Klingkunst“ aus dem 17. Jahrhundert von nun an unappetitlich. Die Hersteller des Tesa-Films warnen heute auf ihrem Website vor dem Einsatz der Klebebänder bei Büchern.

Die virtuelle Verfügbarkeit digitalen Schrifttums erneuert den Blick auf das alte Buch als einen individuellen Gegenstand. Buchrestaurator scheint, vorbei an überfüllten Universitäten, ein womöglich zukunftsweisender Beruf zu sein.

 

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 64. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2009. S. 62f.