Gymnasium CHRISTIANEUM

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Mitteilungen aus der Bibliothek - Schulprogramme

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schulpr.1854.culm

 

 

 

 

 

Die Schulprogramme

von Felicitas Noeske

Etwa hundert Regalmeter: auf den ersten Metern noch gebundene, dann in Pappdeckeln mit Schleifchen geschnürte Konvolute, die den hinteren Bereich des Archivgangs im Christianeum bis unter die Decke schwarz malen, überzogen mit einem Sfumato aus dem Staub ihrer Vergessenheit.

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Was das Dunkel des Archivgangs verbirgt, war noch Anfang des 20. Jahrhunderts Lehrern und Schülern ebenso ein Begriff wie den Buchhändlern und Antiquaren; jeder Bibliothekar einer größeren Bibliothek hätte dem Wunsch nach einem „Schulprogramm“ sofort nachkommen können. Schulprogramme, auch als Schulschriften oder einfach nur als Programme bezeichnet, waren als Veröffentlichungen der höheren Schulen geläufig. Anders als heute, da ein „Schulprogramm“ - in vielen Bundesländern (auch in Hamburg) bereits Pflicht - die Zielvorstellungen einer Anstalt für den schulinternen und behördlichen Gebrauch fixiert, waren die Programme des 19. Jahrhunderts Berichte über das jeweils vergangene Schuljahr und dienten der Öffentlichkeitsarbeit. Die Programme gaben Aufschluss über die Lehrinhalte des Jahres, die Prüfungen, auch über Erlasse, die von allgemeinem Interesse waren. Sie lieferten eine Chronik und Mitteilungen an die Eltern; sie berichteten über Veranstaltungen, Schenkungen und Statistisches. In jedem Schulprogramm fand sich auch ein wissenschaftlicher Artikel, verfasst vom Direktor oder einem Mitglied des Lehrkörpers.

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schulpr.chr.1740.einladungHervorgegangen waren die Programme aus den gedruckten Einladungen von Lehranstalten zu Vorträgen und Prüfungen; solche Drucke sind bereits seit Ende des 16. Jahrhunderts belegt. Im 18. Jahrhundert lud ein Gymnasium Academicum durchaus schon mal auch gedruckt zu Lehrveranstaltungen ein, denn diese waren zuweilen öffentlich. Lateinisch abgefasste Abhandlungen, in denen sich die Professoren mit den Inhalten ihrer Lehre auseinandersetzten, wurden ebenfalls von den Anstalten regelmäßig veröffentlicht. Die Publikationen wurden gesammelt und später in chronologischer Reihe gebunden. Die in einfachem Leder gebundenen Schulschriften des Christianeum aus dem 18. Jahrhunderts füllen als Opuscula Professorum einen Regalmeter;die gedruckten Berichte und Mitteilungen über die Feierlichkeiten zur Namensgebung 1744 hatten sogar eine Sonderausgabe erfahren, in feinstem braunen Leder mit Goldprägung, die in der Bibliothek des Christianeums in mehreren Dubletten erhalten ist.

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Preußen machte 1824 die Programme zur Pflicht; sie waren nunmehr als jährliche Rechenschaftsberichte zu veröffentlichen und erhielten eine Form nach Vorschrift. Bereits in den 1830er Jahren war eine Verteilung dieser Publikationen unter den Anstalten organisiert worden, die dem gegenseitigen Wissens- und Erfahrungsaustausch und der Fortbildung diente; die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Artikels wurde verlangt. Das Christianeum nahm ab 1843 an diesem Austausch teil. Nach dem preußischen Vorbild wurden auch in Österreich und in der Schweiz Schulprogramme eingeführt.

Da die Anzahl der am Austausch teilnehmenden Gymnasien rasch wuchs, verzeichneten einige Schulen um 1870 bereits 10 000 Exemplare. Die Behörden übergaben die Verteilung dem Verlag Teubner in Leipzig und erklärten die Beigabe einer wissenschaftlichen Veröffentlichung als fakultativ. Ende des 19. Jahrhunderts erhob sich dann die Forderung nach Einstellung dieser Publikationen, im wesentlichen begründet durch hohe Produktionskosten und die Schwierigkeit, die unterdessen riesigen Sammlungen zu archivieren und zu katalogisieren. Das Christianeum hielt den Austausch bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und setzte ihn dann nochmal von 1926 bis 1930, wenngleich in nunmehr geringerem Umfang der Jahreskonvolte, fort. In den zwanziger Jahren publizierten nur noch wenige Schulen ihre Programme; auch das Christianeum hatte unterdessen eine andere Publikationsform eingerichtet: das „Heft“ des Schulvereins, das als „Christianeumsheft“ des Vereins der Freunde des Christianeums bis auf den heutigen Tag zweimal im Jahr über die Schulereignisse berichtet.

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schulpr.chr.1792.henriciDie Bedeutung der Schulprogramme, insbesondere einer geschlossenen Sammlung wie der des Christianeums, wird in jüngster Zeit erst nach und nach erkannt. Die Probleme, die umfangreichen Sammlungen unterzubringen und bibliothekarisch zu erfassen, hatten vielerorts bereits zu ihrer Entsorgung geführt; sofern sie die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überlebt hatten, landeten sie in den 1960er Jahren in einigen Fällen im Antiquariatshandel oder noch häufiger im Müll. Sie wurden ganz einfach vergessen. Derzeit sind die Sammlungen der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen in Halle, der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin, der Justus-Liebig-Universität in Gießen (die sie in den 60er Jahren im Antiquariat erwarb) und der Lübecker Stadtbibliothek bekannt; letztere konnte ihre ca. 40 000 Exemplare umfassende Kollektion mit der finanziellen Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft erschließen und katalogisieren. Die Universität Gießen hat eine Reihe von Programmen digitalisiert und im Internet veröffentlicht.

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Die ca. 60 000 Exemplare umfassende Sammlung der Schulprogramme wurde im Christianeum in Jahreskompendien geordnet und chronologisch aufgestellt; man kann also durchaus z. B. den Aufsatz eines vielleicht berühmten Zeitgenossen aus dem 19. Jahrhundert darin finden, wenn man den Zeitraum und den Ort des Erscheines weiß. In der Festschrift des Christianeums von 1938 findet sich (S. 307ff.) ein Verzeichnis der wissenschaftlichen Abhandlungen, die in Verbindung mit Einladungsschriften, Jahresberichten und Festschriften des Christianeums seit 1828 erschienen sind. Durch ehrenamtliche Arbeit konnte eine Liste erstellt werden, die alle Lehrer des Christianeums seit 1738 in alphabetischer Reihenfolge führt und Verweise auf Publikationen enthält; ebenfalls ehrenamtlich wurde mit der Digitalisierung älterer Schulschriften unterdessen begonnen.

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schulpr.1866.memelDie Geschichte des Christianeums und die Entwicklung seiner Lehrtradition ist in den Opuscula Professorum, den Schulprogrammen und den Christianeumsheften nahezu lückenlos bei uns präsent; die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts machen die Annahme nicht unwahrscheinlich, dass indes die eine oder andere höhere Schule in unserem Land – nicht nur in Culm oder in Memel – womöglich in den Schulprogrammen die einzige Quelle für ihre Geschichte hat. Eine nicht geringe Anzahl der Regalmeter im Christianeum ist allerdings derzeit für den Benutzer tabu; die Pappmappen ab ungefähr 1875 haben zum Teil außen Schimmelbefall, die Kosten für neue Deckel sind vielstellig anzusetzen.

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Im Vorwort des Katalogs der Schulprogramme der Lübecker Stadtbibliothek (2000) heißt es, die Schulprogramme seien „eine der vornehmsten Quellengattungen für Forschungen auf den Gebieten Schulgeschichte, Geschichte der Pädagogik, historische Bildungssoziologie, Schulvolkskunde und Ideologiegeschichte“.

 

Literatur:

Sigrid Kochendörfer, Elisabeth Smolinski, Robert Schweitzer: Katalog der Schulprogrammsammlung der Stadbibliothek Lübeck. Bibliothek der Hansestadt Lübeck: Lübeck, 2000

Mary Pabusch: Die Schulschriftensammlung des Hamburger Christianeums. Hausarbeit zur Diplomprüfung an der Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Bibliothek und Information. Hamburg, 1994

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 61. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2006. S. 107ff.

 

Siehe auch:

Wikipedia: Schulprogramm (historisch)