Gymnasium CHRISTIANEUM

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Bibliothek Mitteilungen aus der Bibliothek

Mitteilungen aus der Bibliothek - Suchkinder

Drucken
Beitragsseiten
Mitteilungen aus der Bibliothek
Suchkinder
Schulprogramme
Flickwerk
Pergamentmakulatur
Die Identifizierung eines Fragments am 2. Advent 2011
Zwei Inkunabeln lokalisiert
Luchts Hand
Hippo.
Griechische Handschriften
Alle Seiten





 

Suchkinder

Zur Rekonstruktion des "Donum Kohlianum"

von Felicitas Noeske

 

 

Während intelligente Menschen nach Stockholm reisen oder Golf spielen, habe ich mal wieder etwas völlig Unnützes gemacht: Ich habe Titel nach den Nummern eines Bibliothekskatalogs aus dem 18. Jahrhundert am Computer in den Online-Katalogen der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky [SUB] gesucht. Das hab’ ich natürlich nur gemacht, weil ich jetzt DSL habe und T-Online mich um den Freimonat beschummelt hat.

**********

Das Donum Kohlianum ist eine wunderbare Bibliothek von gut 500 Bänden, die ihr Besitzer Johann Peter Kohl (1698 -1778) dem Christianeum in Altona 1768 übereignet hat. Kohl wollte von Hamburg nach Altona ziehen, weil er dortselbst keine Steuern zahlen musste, und bot dem dänischen König Christian VII. seine exquisite Büchersammlung an für dessen Vorzeige-Bildungsanstalt in Altona; Struensee könnte bereits bei der Genehmigung seines Königs die Hand des Debilen geführt haben, wer weiß. Tatsache ist, dass diese Sammlung nicht nur unglaubliche Bücher enthält (von den mittelalterlichen Prachthandschriften ganz zu schweigen), sondern auch einen ungewöhnlichen Leser, ein fürs 18. Jahrhundert nicht unbedingt übliches Gelehrtenleben und –interesse zu dokumentieren scheint.

Inkunabel.ValMax.001Kohl übergibt also seine Sammlung 1768 dem königlich-dänischen Gymnasium Christianei Altonensis, zusammen mit einem alphabetischen Verzeichnis seiner Bücher und einem vierseitigen Begleitschreiben, in dem er seine Sammlung erläutert und den neuen Besitzern einige Auflagen macht. Georg Christian Matern de Cilano, erster Amtsinhaber als Bibliothekar und vom Ruhestand nicht aus der Bibliothek zu vertreiben, er sei, so ein Gerücht, hochbetagt eines Tages darin tot umgefallen – Matern de Cilano wird um 1770 die Bücherliste Kohls abschreiben und dabei ihre Aufstellung in offenbar nicht selten auch inhaltlich motivierten Scrinia – den Regalaufbauten, in denen der Benutzer die Bücher vorfindet - so zurechtbasteln, dass die Kleinformate oben und die Folios unten stehen und einem nicht auf den Kopf fallen können.

Aber vor allen Dingen wird er die Titel in seinem Katalog nun mit durchlaufenden Nummern versehen. 1850 und in den folgenden Jahren wird Bibliothekar Frandsen diese Nummerierung den Büchern auf die Rücken malen, sie zusammen mit der Seitenzahl von Cilanos Katalog als Signatur in die Deckel schreiben und allen Bänden des Donum Kohlianum zusätzlich zum Besitzerstempel der Anstalt auch einen „S“-Stempel auf die Titel drücken. Jeder Band ist nunmehr anhand des Cilano-Katalogs auffindbar: 164/19 bedeutet: Nr. 164 auf Seite 19 des Katalogs. Man muss nicht lange nachdenken um gewiss zu sein, dass das nur funktioniert, wenn die Bücher auch danach aufgestellt sind – und dass der Bibliothekar beide Kataloge bereit halten muss, denn der brave Benutzer würde ohne deren Hilfe lange suchen müssen, um z.B. das Werk eines italienischen Renaissance-Philosophen wie Pico della Mirandola aus dem 16. Jahrhundert zu finden.

Das Donum Kohlianum ist im Tresorraum der Bibliothek des Christianeums, genannt „der Bunker“, immer noch nach „S“ zusammen aufgestellt. Allerdings musst du nicht nachzählen, um zu erkennen, dass das niemals 500 Bände sind, vielleicht 60 oder 80, mehr nicht. Es gibt keinen Platz in der Bibliothek, wo noch 400 weitere und unerkannte Bücher sein könnten. In den Annalen des Christianeums-Archivs aus der Zeit vor 60 Jahren, die außerordentlich dürr verzeichnet ist, findest du einiges Beunruhigende. „In den Wintermonaten 1946/47“ seien 10 000 Bände aus der Bibliothek des Christianeums (das war ein Drittel ihres damaligen Bestandes) an die „Staatsbibliothek“ gegangen, die ihre Bestände verloren hatte. Seit 1938 hieß die zwar „Bibliothek der Freien und Hansestadt Hamburg“, „Staats-und Universitätsbibliothek“ wurde sie erst wieder im Mai 1946, aber egal, der handschriftliche Bericht in einem alten Eingangsbuch der Bibliothek ist von 1947. 10 000 Bände, herumgekarrt in einem der schlimmsten Winter der Hansestadt!

Später sollen - so wird gesagt, eine dem entsprechende Liste gibt es nicht - vom Christianeum noch weitere ca. 4000 Bände, insgesamt wäre das also knapp die Hälfte des Bestandes gewesen, abgeliefert worden sein im Zuge eines Erlasses von 1946, der der völlig ruinierten vormaligen Bibliothek der Freien und Hansestadt, nunmehr Staats- und Universitätsbibliothek, eine Art Schneewittchen-Aktion bei den verbliebenen Beständen der Stadt erlaubte: man nahm, was die anderen erübrigen konnten. 10 000 Bände - das sind mindestens fünf 7,5-Tonner mit Anhänger heutiger Auslegung - von A nach B geschafft in ein paar Wochen in einem Winter, in dem alles fror und hungerte, die Kinder ernährt vor allem durch das Hilfsprogramm der Engländer, in einer völlig zerstörten Stadt, in der Familien – so nachzulesen in der beeindrucken Darstellung des Schweden Stig Dagermann (1923-1954), „Deutscher Herbst“, erschienen in der Bibliothek Suhrkamp 1987 - mit ihren Kindern in Kellern hausten, in denen das Wasser knöchelhoch und höher stand. Wer hat sich das wohl ausgedacht?

2005 sind wir online, in der Bibliothek und daheim, mit DSL und mit Zugang zu den großen Datenbanken und den Online-Katalogen der großen Bibliotheken ausgestattet. Du nimmst Matern de Cilanos in Leder gebundenes und mit Goldprägung versehenes Katalog-Folio und hakst darin (mit Bleistift, deine Vorgänger hatten im 19. Jahrhundert mit Tinte darin herumgeschmiert) das Häuflein Kohliana im „Bunker“ deiner Bibliothek ab und beginnst dann deine Online-Recherche in den Hamburger SUB-Katalogen (PICA und alter Zettelkatalog) mit der Nummer 1 – Treffer! Sogar mit Provenienzvermerk und auch sonst noch höchst interessanten Angaben.

Heldenbuch.TitelUnd dann fallen die Signaturen aus deinem Rechner wie die Coins aus dem Einarmigen Banditen, allerdings ohne alle Provenienzhinweise, nicht mal auf deine Anstalt, geschweige denn aufs Donum Kohlianum. Du schickst einige Signaturen per E-Mail an Dr. Richard Gerecke, in der SUB zuständig für die Rara und mit Interesse für Provenienzforschung. Dr. Gerecke meldet Treffer zurück und vervollständigt umgehend die Herkunftshinweise im Katalog. Er hatte sich verschiedentlich über einen „S“-Stempel gewundert, den er sich nicht hatte erklären können, als er angefangen hatte, die Provenienzvermerke „Christianeum“ einzuarbeiten. Er beginnt, der Magazin-Systematik kundig, dortselbst zu suchen – einfach nur nach der Erinnerung an einen „S“-Stempel auf den Titeln in der Nachbarschaft der Treffer. Nun suchst du an deinem Computer sozusagen mit der SUB um die Wette – du mit zwei 230 Jahre alten Katalog-Büchern, die SUB mit „S“ im Magazin. Und dann wird online abgeglichen. Das geht beunruhigend schnell. Die PICA-Suche ist kinderleicht, schwierig wird’s, wenn du den alten Zettelkatalog konsultieren musst. Dort stößt du stets auf uralt erscheinende handschriftliche Kärtchen, eingescannt kaum noch lesbar, zuweilen eine erkennbar schwere Hand im Bemühen, das Sütterlin loszuwerden in einem misslungenen runden Duktus; die Signatur ist auf deinem Bildschirm manchmal nur zu erraten.

Der erste Durchgang des Bestandes der Sammlung des Johann Peter Kohl ist Ende August 2005 beendet. Am 23. September 2005 schließt Dr. Gerecke die Bearbeitung der Desideraten-Liste ab. Das Christianeum hält 69 der insgesamt 466 gedruckten Bände, einschließlich 9 Inkunabeln – sog. „Wiegendrucke“, seit Gutenberg entstanden bis 1500 – in 7 Bänden; 8 Inkunabeln in 5 Bänden sind in der SUB. Die 17 Handschriften des Donum Kohlianum [ursprünglich 18, ein russisches Manuskript wurde im März 1816 zugunsten der Christianeumsbibliothek nach St. Petersburg verkauft] sind vollständig und befinden sich in der Bibliothek des Christianeums. Von drei weiteren Inkunabeln, die nicht auf der Liste von Bibliothekar Claussen 1897 erfasst, in Kohls Katalog [1768] aber angeführt sind, hat sich unterdessen eine [Celtis 1487] im Bestand des Christianeums angefunden; die beiden anderen [Marius Philelfus 1495/Voragine 1491] sind noch nicht aufgefunden. Die Desideratenliste enthält nunmehr 52 Cilano-Nummern von 466 Nummern „libri expressi“, einschließlich der bei Cilano und Claussen 1897 angeführten Inkunabeln. Ein Band aus dem Donum Kohlianum ist, durch eine Reihe von Indizien identifiziert, mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Zeit im Antiquariatshandel; es handelt sich um die bei Cilano „in arca Bibliothecae“ nach Nr. 466 extra aufgeführten Nummern 1 – 3, die zusammengebunden worden sind [typischer Christianeumseinband: Halbpergament mit Buntpapierbezug, vor 1850, vermutl. Cilano 18. Jh.] und in den Rara-Katalog der Bibliothek [1850ff] aufgenommen wurden unter der Signatur: R Bc 41/7 - die 7 ist wahrscheinlich links oben im Vorderdeckel verzeichnet - und auf dem Titel zusätzlich zum Besitzstempel noch einen „R“-Stempel erhalten haben [vgl. www.asherbooks.com in der „stocklist“ Titel: „abus du mariage“].

**********

Ich frage mich unterdessen weniger, wie 10 000 Bände in den berüchtigten Wintermonaten 1946/47 in die SUB gelangt sein könnten, sondern vielmehr, wieso man seinerzeit nicht die komplette Kohliana-Sammlung übergeben bzw. übernommen hat. Das Donum Kohlianum ist die einzige aus der langen Reihe der dem Christianeum in den vergangenen Jahrhunderten übereigneten Sammlungen, der die Verfügung des Vorbesitzers beigegeben ist, sie stets zu bewahren und zusammen aufgestellt zu halten. Dies ist, daran lassen die Christianeumskatalogisierungen keinen Zweifel, auch so geschehen bis 1932; anschließend ist die Geschichte, so scheint es, kompliziert geworden.

Die SUB hat noch nicht nein gesagt zu meinem Vorschlag, den alten Bänden ein entsprechendes Exlibris in die Deckel zu kleben und einen gemeinsamen Katalog des Donum Kohlianum zu erstellen; es wäre der dritte seit 1768 und der erste nach ca. 230 Jahren. 60 Jahre tiefgehende Ressentiments zwischen dem Christianeum und der Staats- und Universitätsbibliothek scheinen nunmehr aus der Welt zu sein. Dafür sind einige Wochen Freizeit abends am Computer nicht zuviel. Zumal wenn du anschließend in die Sommerfrische fährst, nach Stockholm oder zum Golf spielen.

_____________________________________________________________________
Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 60. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2005. S. 76ff.

Siehe auch: 60 Jahre verschwunden